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Factoring

Factoring RechnungDie Zahlungsmoral ist in den vergangenen Jahren nicht nur in Deutschland deutlich gesunken, sondern weltweit. Zahlreiche Unternehmen müssen immer länger darauf warten, dass die gestellten Rechnungen bezahlt werden. Das führt zu immensen Problemen für die Unternehmen, denn sie sind dadurch gezwungen, den Forderungsausfall durch eigene finanzielle Mittel zu kompensieren, müssen aber gleichzeitig den laufenden Betrieb finanzieren. Nicht selten geraten die Unternehmen dann durch den Zahlungsausfall oder die deutlich verspäteten Zahlungen selbst in eine gewisse Schieflage.

Mit zahlungsunwilligen und zahlungsunfähigen Kunden habt ihr sicher auch schon einmal zu tun gehabt und wisst, welche Probleme verspätete oder ausfallende Zahlungen mit sich bringen. Allein der zusätzliche verwaltungstechnische Aufwand, um die Forderungen einzutreiben, stellt viele Unternehmen vor große Probleme. Eine Lösung, um diesem Problem entgegen zu treten, ist das Factoring. Es wurde ursprünglich in den USA entwickelt, gelangte aber schon in den 1950er Jahren nach Europa und somit auch nach Deutschland.

Was genau ist eigentlich Factoring?

Die weit verbreitete Meinung über Factoring ist, dass es sich hierbei um ein Kreditgeschäft handelt. Das stimmt allerdings so nicht. Ihr tretet als Factoringkunde auf, werdet häufig auch als Anschlusskunde oder Zedent bezeichnet. Die Forderungen, die ihr gegenüber euren Kunden habt, die im Factoring auch als Schuldner, Debitoren oder Drittschuldner bezeichnet werden, verkauft ihr an eine Factoring-Gesellschaft, den Zessionar oder Factor.

Diese Gesellschaft treibt dann alle Forderungen für euch ein, wobei sie euch die Forderungen mit dem Kauf bezahlt. Abgezogen wird ein prozentualer Anteil, der für den Factor als Verdienst verbleibt. Es handelt sich also tatsächlich um ein Kaufgeschäft beim Factoring und eben nicht um das klassische Kreditgeschäft.

Ablauf des Factorings

Damit ihr Factoring für euer Unternehmen sinnvoll einsetzen könnt, müsst ihr natürlich den genauen Ablauf dieses Geschäfts kennen. Hierbei kommt es zunächst zum Vertragsabschluss zwischen euch und dem Factoring-Unternehmen. Ihr könnt euch entscheiden, ob ihr generell alle Forderungen an den Factor verkaufen wollt oder nur die Forderungen an eine bestimmte Kundengruppe. In der Regel werden nur Forderungen für das Factoring herangezogen, die nach dem Vertragsabschluss entstehen, allerdings könnt ihr durch geschicktes Verhandeln auch bereits bestehende Forderungen verkaufen. Der Vertrag wird in der Praxis über mindestens zwei Jahre, häufig aber auch über vier bis fünf Jahre abgekauft.

Ablauf FactoringDas Factoring-Unternehmen nimmt eine Bonitätsprüfung eurer Kunden vor, und zwar vor dem Vertragsabschluss, aber auch während der Laufzeit des Vertrages. Anhand dieser Bonitätsprüfung legt es Limits fest, bis zu denen es das Forderungsausfallrisiko trägt. Je besser also die Bonität eurer Kunden, desto höher sind auch die Auszahlungen des Factoring-Unternehmens an euch.

Der Ankauf eurer Forderungen erfolgt, indem ihr eure Rechnungen an die Kunden an das Factoring-Unternehmen übermittelt. Dieses prüft nun die Rechnungen auf Richtigkeit und kauft die Forderungen anschließend auf. Der Kaufpreis wird je nach Vereinbarung sofort an euch überwiesen oder nach Ablauf einer gewissen Frist.

Kunden, deren Bonität vom Factor noch nicht überprüft wurde, müssen erst geprüft werden, bevor es zur Auszahlung des Kaufpreises kommt. Der Kaufpreis wird dabei zunächst um zehn bis 20 Prozent verringert. Dabei spricht man auch vom Sicherheitseinbehalt. Diesen behalten Factoring-Unternehmen ein, um damit evtl. gewährte Rabatte, Skonti, Nachlässe oder Reklamationen seitens eurer Kunden auszugleichen. Sobald das Geld des Kunden eingegangen ist, wird dieser Differenzbetrag aber an euch ausgezahlt.

 

Die Kosten des Factorings

Factoring-Unternehmen handeln natürlich nicht zum Wohle der Allgemeinheit, sondern wollen am Forderungsankauf stets selbst einen kleinen Gewinn erhalten. Deshalb sind natürlich entsprechende Kosten notwendig, die euch der Factor in Rechnung stellt. Diese Kosten sind immer davon abhängig, wie ihr den Factoring-Vertrag ausgestaltet. Nehmt ihr alle möglichen Dienstleistungen in Anspruch, fallen natürlich höhere Kosten an, als wenn ihr nur einzelne Aufgabenbereiche an den Factor herausgebt.

Zunächst einmal fallen beim Factoring Kosten für den Ankauf der Forderungen an, in dem auch die Übernahme des Delkredererisikos, sowie die Arbeiten im Zusammenhang mit dem Eintreiben der Forderungen mit enthalten sind. Dafür müsst ihr etwa mit 0,8 bis 1,5 Prozent des Bruttoumsatzes rechnen. Wollt ihr Forderungen an ausländische Kunden verkaufen, steigen die Gebühren in der Regel auf das Doppelte an.

Diese Gebühren werden in der Fachsprache auch als Factoring-Gebühren bezeichnet. Ihr könnt diese Gebühren teilweise auch selbst beeinflussen, vielfach kommen bei der Berechnung jedoch ganz klar definierte Faktoren zum Einsatz. Das können einerseits die Höhe der verkauften Forderungen, die Anzahl der Rechnungen und Kunden, eure Branche, aber auch die durchschnittlichen Forderungslaufzeiten sein. Darüber hinaus spielen für die Berechnung euer individuell abgeschlossener Factoring-Vertrag und die darin enthaltenen Leistungen eine wichtige Rolle.

Neben diesen Factoring-Gebühren kommen noch Zinsen hinzu. Diese sind laufzeitabhängig und werden für die Zeit von der Auszahlung des Rechnungsbetrags an euch bis zum Ausgleich der Forderung durch den Kunden berechnet. Teilweise gibt es auch die Möglichkeit, dass die Zinsen nur bis zum Zeitpunkt der Fälligkeit berechnet werden. Die Höhe der Zinsen richtet sich nach den marktüblichen Zinssätzen, die Banken für einen Kontokorrentkredit verlangen.

Außerdem übernimmt der Factor für euch die Bonitätsprüfung, sowie die Überwachung der Debitoren. Diese Leistungen könnt ihr fast nie aus dem Umfang der Leistungen streichen. Für diese Dienstleistung werden euch weitere Gebühren berechnet, die auch als Limitprüfungsgebühr bezeichnet werden.

Die Vorteile beim Factoring

Vorteile FactoringSo manch einen wird die Aufschlüsselung der doch recht vielfältigen Kosten des Factorings jetzt sicher verschreckt haben. Deshalb wollen wir euch an dieser Stelle noch einmal ganz klar die Vorteile des Factorings aufzeigen, damit ihr die für euch richtige Entscheidung treffen könnt.

Factoring bietet euch dabei zahlreiche Vorteile, die sich in die verschiedenen Funktionen untergliedern lassen.

Beim echten Factoring übernimmt der Factor das Delkredererisiko. Ihr seid damit vor Forderungsausfällen bestens geschützt. Darüber hinaus erhaltet ihr den Gegenwert der Forderungen sofort gutgeschrieben, was eure Liquidität deutlich erhöht. Nutzt ihr diese liquiden Mittel, um Skonti bei euren Lieferanten zu erhalten, könnt ihr schon einen Großteil der Kosten, wenn nicht gar die gesamten Kosten für das Factoring ausgleichen.

Als Alternative zur klassischen Warenkreditversicherung ist Factoring aber allemal geeignet. Bei letzterer erhaltet ihr die Forderungsausfälle erst dann erstattet, wenn ein Ausfall tatsächlich gegeben ist, beim Factoring könnt ihr sofort über das Geld verfügen. Damit sind auch die Vorteile aus der Finanzierungsfunktion sehr deutlich. Zusätzlich könnt ihr die liquiden Mittel nutzen, um Schulden abzubauen und dadurch die Eigenkapitalquote in eurer Bilanz erhöhen.

Im Bereich der Dienstleistungsfunktionen könnt ihr ebenfalls viele Vorteile erhalten: So spart ihr euch das Debitorenmanagement im eigenen Haus und könnt dadurch Zeit und Geld einsparen. Die so frei gewordenen Ressourcen könnt ihr für euer Kerngeschäft einsetzen. Außerdem habt ihr stets einen Überblick über die Kreditwürdigkeit eurer Kunden.

Neukunden, deren Bonität als schlecht bewertet wird, könnt ihr von vornherein ablehnen. Zusätzlich wird die Bonitätsentwicklung eurer Kunden laufend überprüft, was bei internem Debitorenmanagement oftmals vernachlässigt wird. Darüber hinaus verbessert das Einschalten eines Factoring-Unternehmens oftmals die Zahlungsmoral eurer Kunden.

Funktionen des Factorings

  1. Finanzierung mittels Factoring

Die Finanzierungsfunktion ist für viele von euch sicher die wichtigste im Bereich des Factorings. Sie sagt nichts Anderes aus, als dass das Factoring-Unternehmen euch den Geldwert eurer Forderungen sofort mit deren Verkauf auszahlt. Abgezogen wird lediglich der Sicherheitsbehalt des Unternehmens. Ihr könnt also sofort über die finanziellen Mittel verfügen und müsst nicht erst warten, bis die Kunden bezahlt haben.

Nutzt diesen frühen Liquiditätszufluss sinnvoll. Zahlt beispielsweise eure Lieferantenrechnungen mit Skonto oder setzt das Geld ein, um Verbindlichkeiten abzutragen. Dadurch erhöht ihr auch gleich eure Eigenkapitalquote, was sich bei Rankings positiv auswirken dürfte. Zahlt aber auch Bankverbindlichkeiten rechtzeitig oder sogar frühzeitig ab, um so Zinszahlungen zu senken.

  1. Delkredere mittels Factoring

Die Delkrederefunktion wird häufig auch als Versicherungsfunktion bezeichnet. Hierbei übernimmt das Factoring-Unternehmen das Risiko eines Zahlungsausfalls eurer Kunden für euch. Sollte euer Kunde also zahlungsunfähig werden, erhaltet ihr das Geld vom Factoring-Unternehmen und dieses bleibt auf den Forderungen sitzen. Ihr könnt euch somit effektiv gegen Forderungsausfälle absichern.

Allerdings solltet ihr genau Obacht geben. Viele Factoring-Unternehmen übernehmen nämlich weder politische Risiken, noch Risiken für Wechselkurse. Außerdem werden die Debitoren genau auf ihre Bonität hin überprüft. Anhand dieser Überprüfung kann das Factoring-Unternehmen auch die Delkrederefunktion für einen bestimmten Kunden ablehnen, so dass ihr hier das Risiko weiterhin selbst tragt. Ebenfalls werden bestimmte Limits festgesetzt, bis zu denen der Factor das Risiko übernimmt. Sind eure Forderungen höher, als diese Limits, dann tragt ihr das Risiko für den Limit-übersteigenden Betrag selbst.

  1. Dienstleistungen beim Factoring

Außerdem könnt ihr im Factoring-Vertrag die Dienstleistungsfunktion vereinbaren. Hier habt ihr wieder die Wahl zwischen verschiedenen Dienstleistungen, die ihr in Anspruch nehmen könnt. An erster Stelle steht dabei die Überprüfung der Bonität eurer Kunden, die fast immer vom Factoring-Unternehmen übernommen wird, wenn ihr mit diesem zusammenarbeitet. Das ist sinnvoll und wichtig, damit ihr wisst, wie es um die Zahlungsfähigkeit eurer Kunden bestellt ist.

Ihr könnt aber auch die Aufgaben des Debitoren Managements, des Mahnwesens und des Inkassos an den Factor übertragen. Damit spart ihr Zeit und Geld und könnt die frei gewordenen Ressourcen anderweitig einsetzen.

Formen des Factorings

Ebenso, wie die Funktionen des Factorings unterschiedlich vereinbart werden können, habt ihr auch die Möglichkeit, verschiedene Formen des Factorings zu vereinbaren. Diese gliedern sich in die Art der Forderungsabtretung, sowie den Leistungsumfang des Factorings.

Arten der Forderungsabtretung

Im ersteren Fall habt ihr die Wahl zwischen dem stillen und dem offenen Factoring. Das offene Factoring sieht vor, dass eure Kunden über den Verkauf der Forderungen informiert werden und die Zahlungen direkt an den Factor vornehmen. Beim stillen Factoring, das hierzulande allerdings kaum gebräuchlich ist, werden eure Kunden nicht über den Forderungsverkauf informiert. Der Factor wird dann regelmäßig ein Konto in eurem Namen eröffnen, auf dem die Zahlungen der Kunden eingehen.

Leistungsumfang im Factoring

Beim Leistungsumfang wird nochmals zwischen verschiedenen Varianten unterschieden:Leistungsumfang Factoring

  • Vom echten Factoring spricht man, wenn der Factor das Ausfallrisiko der Forderungen übernimmt. Bei Zahlungsunfähigkeit eines Debitors kann der Factor also nicht mehr auf diesen zurückgreifen.
  • Beim unechten Factoring tragt ihr selbst das Ausfallrisiko, sollte der Debitor nicht zahlen können, kann das Factoring-Unternehmenauf euch zurückgreifen.
  • Das Fälligkeits-Factoring sieht vor, dass ihr alle Dienstleitungen des Factors in Anspruch nehmt, allerdings nicht auf die sofortige Zahlung der abgetretenen Forderungen setzt.
  • Ebenfalls könnt ihr euch für das Standard-Factoring entscheiden, das auch als Full-Service-Factoring bezeichnet wird. Hier nutzt ihr alle Funktionen des Factorings.
  • Außerdem könnt ihr euch für das Bulk-Factoring entscheiden, welches genauso als Inhouse- oder Eigenservice-Factoring bezeichnet wird. Hierbei nutzt ihr lediglich den Delkredereschutz und die Finanzierung des Factors. Das Debitoren Management verbleibt dagegen in eurem Haus. Beachtet allerdings, dass nur wenige Factoring-Unternehmen diese Möglichkeit bieten, da sie dafür sehr viel Vertrauen in euch haben müssen.
  • Zusätzlich könnt ihr das Auswahl-Factoring in Anspruch nehmen, bei dem ihr nur einige ausgewählte Forderungen an den Factor verkauft.
  • Eine Sonderform des Auswahl-Factoringsstellt schließlich das Import- und Export-Factoring Hier könnt ihr beispielsweise nur eure Forderungen abtreten, die ihr an ausländische Kunden habt. Dann spricht man vom Export-Factoring. Wenn eure Lieferanten im Ausland sitzen und nach Deutschland importieren, dafür aber ein deutsches Factoring-Unternehmen einsetzen, dann betreiben sie das Import-Factoring.

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